Sunday, May 30, 2010

Ratschläge zum Kauf einer Kamera

Fotografen am Nigardsbreen, Norwegen 2008

In den vergangenen Tagen wurde ich wiederholt gefragt: "Welche Kamera soll ich mir nur kaufen? Modell X mit den Features 1, 2 und 3 oder lieber Gerät Y mit den Merkmalen 4, 5 und 6?" Ich habe immer versucht, sinnvoll auf die Fragen zu antworten, egal ob per Mail oder hier in den Kommentaren. (Bitte schreibt mir solche Fragen lieber in die Kommentare, denn dann haben auch alle etwas von den Antworten!) Trotzdem habe ich mich entschlossen, einen eigenen Post zu verfassen, in dem ich einige grundlegende Gedanken zum Kamerakauf zusammentragen möchte.

Zuerst einmal möchte ich einige Kriterien aufzählen, die für Euch eine Rolle spielen könnten, bevor ich dann meine klugen Ratschläge erteile. Also, welche Dinge spielen eine Rolle bei der Wahl des für Euch persönlich passenden Fotogeräts? Die folgende Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und erscheint in völlig willkürlicher Reihenfolge.

  • Größe und Gewicht: Bist Du bereit, viel zu schleppen, oder möchtest Du lieber etwas für die Jackentasche?
  • Geld: Wieviel bist Du bereit für Deine neue Kamera auszugeben? (Und wieviel für die passenden Objektive plus Speicherkarte, Zusatzakku, Tasche usw.)
  • Auflösung: Genügen Dir Schnappschüsse aus der Kompaktkamera mit 8 oder 10 Megapixeln, oder benötigst Du eine digitale Spiegelreflexkamera mit 12 Megapixeln, oder ist sogar die höchste 24-Megapixel-Auflösung unumgänglich?
  • Sensorformat: Reicht ein kleiner Digicam-Chip, oder soll es ein Four-Thirds-Sensor sein, oder muss unbedingt mindestens ein APS-C Gerät her, vielleicht sogar der Vollformat-Sensor oder das Mittelformat?
  • High-ISO-Fähigkeiten: Brauchst Du wirklich rauschfreie 3200 ISO, oder genügen vielleicht auch ISO 800 und ein wenig Nachbearbeitung?
  • Objektive: Welche Brennweiten/Lichtstärken brauchst Du für Deine Fotos und in welchem System bekommst Du sie? Willst Du bequeme Zooms oder fordernde Festbrennweiten?
  • Motive: Was willst Du eigentlich fotografieren? Wie schnell bewegen sich Deine Motive oder stehen sie sogar still?
  • Bildprodukte: Was möchtest Du mit Deinen Fotos anfangen? Willst Du sie ausdrucken bzw. ausbelichten lassen? Wenn ja, wie groß? Oder willst Du sie im Internet zeigen oder eine DVD-Show daraus machen?
  • Features: Brauchst Du das Neueste vom Neuen, den Touchscreen oder die Gesichtserkennung, oder genügt Dir auch ein etwas älteres Gerät oder eines mit weniger Knöpfen und Funktionen?
  • Marke: Möchtest Du eine bestimmte Kameramarke haben, weil eines Deiner Vorbilder vielleicht damit fotografiert hat, oder weil Du denkst, dass eine bestimmte Firma eine marktbeherrschende Stellung bzw. eine große Auswahl an Zubehör hat?
  • Prestige: Brauchst Du das Gefühl, dass Deine neue Kamera etwas Besonderes ist, vielleicht sogar ein Statussymbol, oder ist es Dir egal, dass es ein Massenprodukt ist, das viele haben? Muss es ein sogenanntes "Profi"-Gerät sein, oder reicht auch die "Semi-Profi"- oder die "Einsteiger"-Klasse?
  • Design: Gefällt Die eine bestimmte Kamera vom Aussehen her besonders, oder ist Dir Form und Farbe des Geräts nicht so wichtig?
  • Haptik: Wie soll sich Deine Kamera anfühlen, wenn Du sie in der Hand hältst? Ist Plastik für Dich ok, oder soll das Obermaterial eher Metall oder Leder sein? Welcher Apparat fühlt sich beim Anfassen im Fotoladen gut an, welcher nicht?
  • Software: Wieviel willst Du Deine Fotos nachbearbeiten? Willst Du Jpegs haben oder mit RAW-Qualität arbeiten?
  • Testberichte und Kaufempfehlungen: Macht es Dir großen Spaß, tagelang im Internet zu surfen, Reviews zu wälzen, Forenbeiträge darüber zu verfassen und viele Preise (neu/gebraucht) zu vergleichen und über die nächsten vielleicht neu erscheinenden Modelle zu spekulieren, oder ist Dir das alles lästig, und Du möchtest einfach nur Fotos machen?
  • Haltbarkeit: Planst Du, dass Dich Deine neue Kamera die nächsten Jahre begleiten soll, oder könnte es sein, dass Du sie innerhalb weniger Monate oder spätestens zum nächsten Sommerurlaub wieder verkaufst, um ein neueres Modell oder sogar eine andere Marke auszuprobieren, weil es vielleicht technische Neuerungen gibt?
  • Persönliche Entwicklung: Denkst Du, dass Du lieber mit einer "einfachen" Kamera anfangen solltest, um dann erst später, wenn Deine fotografischen Fähigkeiten gewachsen sind, eine "bessere" Kamera zu kaufen, oder willst Du lieber direkt mit einem "großen" Modell einsteigen, um Dich nicht in Deiner Entwicklung zu limitieren, auf die Gefahr hin, dass Du Dich überforderst oder vielleicht noch gar nicht weißt, wohin Du Dich überhaupt als Fotograf entwickeln kannst?
  • usw. usw. usw...
Bitte nehmt diese Liste nicht allzu ernst! Man liest so viel darüber in so vielen Foren, und jeder hat einen guten Tipp, was man kaufen soll und warum, oder was zu beachten ist, damit man auch ganz sicher die "richtige" Kamera bekommt, die zu einem passt... Von den Markenfetischisten, die sich gegenseitig bis weit über die Unverschämtheitsgrenze hinaus bekämpfen, mal ganz zu schweigen. Tja, aber mein finaler Rat geht ganz anders, auch wenn ich in meinem letzten Test eine ganz bestimmte Kamera sehr gelobt habe.

Sollte ich selbst nochmal neu einsteigen oder komplett das System wechseln, ich würde es folgendermaßen machen, und so empfehle ich es auch jedem von Euch, damit Ihr Euch viel Zeit und Geld spart:
  1. Das ist das Wichtigste: Setz Dir ein Zeitlimit, bis wann Deine Entscheidung gefallen sein soll! Sinnvoll ist eigentlich höchstens ein Zeitraum von einer Woche bis zehn Tagen, weil mehr Zeit nicht unbedingt sinnvollere Informationen bringt. Sei konsequent und dulde keinen Aufschub. Triff die Entscheidung und bleib dabei.
  2. Innerhalb dieses gesetzten Zeitlimits solltest Du schauen, welche Fotos Du machen möchtest (Menschen, Tiere, Sport, Makros, Landschaft, Akt usw.), und dann solltest Du die Fotografen, deren Fotos Du gut findest, einfach fragen, welche Kamera und welche Objektive sie benutzen. Alternativ kannst Du Dir natürlich auch eine bestimmte Kamera aussuchen und schauen, ob es einen Fotografen gibt, der mit dieser Kamera die Fotos macht, die Dir gefallen. Im Internet gibt es genug Bildbeispiele und reale Fotografen, die Auskunft geben. Geh auch in ein Fotogeschäft und fasse die Kameras an, aber ohne beim ersten Besuch direkt etwas zu kaufen.
  3. Wenn Du nach Deinem Zeitlimit die Entscheidung getroffen hast, dann mach keine Kompromisse mehr! Wenn Du nicht genug Geld hast, dann spare so lange, bis Du es zusammen hast. Kauf Dir nur genau die Kamera, die Dir wirklich gefällt und die Dir Spaß macht, und die Du unbedingt haben willst, denn sonst wirst Du Dich immer nach dieser Kamera sehnen und nur unnützes Geld für die "zweite Wahl" ausgeben, die Du ja doch bald wieder verkaufen wirst, weil es eben nicht Deine Wunschkamera ist! Dasselbe gilt auch für die Objektive.
  4. Fast genau so wichtig wie der erste Punkt: Setz Dir eine Zeitspanne, wie lange Du die Kamera und die Objektive auf jeden Fall behältst! Und innerhalb dieser Zeitspanne holst Du dann den meisten Spaß und die schönsten Bilder aus Deinen Gerätschaften heraus, wie es nur geht. Du hast die Kamera und die Objektive, die Du haben willst und bleibst bei Ihnen, weil Du damit Fotos machen willst, und Du wirst Deine fotografischen Fähigkeiten schneller steigern und zu besseren Ergebnissen kommen, als wenn Du dauernd neu überlegen würdest, welche andere Kamera Du noch kaufen könntest oder welche Kamera Du hättest kaufen können. Am Ende der Zeitspanne kannst Du dann wieder bei Punkt 1 beginnen, wenn Du willst.
Natürlich habe ich es früher nicht so gemacht, wie ich es Euch hier rate. Ich habe einiges Geld verpulvert durch zuviel hin und her. Ich habe auf die falschen Empfehlungen gehört. Klar, es hat auch Spaß gemacht, immer wieder neue Geräte auszuprobieren, aber so richtig zufrieden war ich doch nur zeitweise, z.B. als ich mir für eine lange Reise das damals ganz neu erschienene Nikon 18-200mm VR gekauft habe, obwohl es zu dem Zeitpunkt eine für mich geradezu wahnsinnig hohe Summe Geld gekostet hat. Aber es war das Objektiv, was ich haben wollte, und ich war glücklich damit auf meiner Reise und zwei ganze weitere Jahre lang.

Immerhin habe ich im letzten Jahr auf meiner Namibia-Reise auch schon einen Teil meiner Weisheiten umgesetzt. Damit war ich sehr glücklich, auch wenn der Abschied von Nikon schwer fiel. Der Großteil der Safari-Ausrüstung aus Namibia ist auch heute noch in meinem Besitz und wird regelmäßig benutzt. Inzwischen habe ich allerdings die Olympus E-30 gegen die Panasonic GF1, und diese dann schließlich gegen die Olympus PEN E-PL1 getauscht, um eine noch leichtere und kompaktere Ausrüstung zu haben. Meine Zeitspanne, in der ich meine jetzigen Fotogeräte weiter nutzen will, beträgt übrigens von heute an noch knapp ein Jahr. Vielleicht kommt noch ein Objektiv dazu, aber mehr nicht. So habe ich es mir zumindest vorgenommen.

Der Grund dafür ist nämlich, dass ich mich wieder mehr auf die inhaltliche Seite der Fotografie stürzen möchte, weil es doch schließlich darum geht, gute Fotos zu machen, oder? Also seid bitte nicht zu sehr enttäuscht, wenn es hier in nächster Zeit nicht einen Testbericht nach dem nächsten gibt. Ich hoffe, Ihr schaut auch gerne meine Fotos an! Aber keine Sorge, ich werde natürlich auch in Zukunft weiter Tipps zum Kamerakauf, zu Kameraeinstellungen und Software und Workflow geben, und ebenfalls meine Meinung zu neu erscheinenden Kameras und Objektiven kund tun. Lasst mich einfach in den Kommentaren wissen, was Euch interessiert.

Believe me: It's all about making a decision and sticking to your decision. Get your favourite camera and lens and then enjoy it and take photographs and forget everything else. I'm sure that your pictures will get better and better!

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